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jeSET 2012 St. Blasien - A Jesuit Schools European Sports Tournament

Antwort des Provinzials Stefan Dartmann SJ auf den Bericht der Beauftragten des Ordens für Fälle sexuellen Missbrauchs, Ursula Raue

Pressekonferenz in München 27.05.2010

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

der von Frau Raue vorgelegte Bericht über Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen und anderen Einrichtungen des Jesuitenordens spricht eine deutliche Sprache. Schonungslos listet er Täter und Taten auf und geht der Frage nach, die vor allem den Opfern bis heute unter den Nägeln brennt: Wie konnte das geschehen?!

Ein Prozess, der Zeit braucht

Um diesen Bericht abfassen zu können, bedurfte es vieler Stunden des Zuhörens, des Aktenstudiums und des Nachfragens. Was Frau Raue und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den letzten vier Monaten bewältigt haben, ist nur schwer zu ermessen. Mit allein über 200 Opfermeldungen, die den Jesuitenorden betreffen, ist ein Skandal deutlich geworden, dessen Umfang im Januar kaum zu erahnen war. Wenn deshalb der Aufklärungsprozess seine Zeit gebraucht hat und in einigen Aspekten auch noch weitergehen muss – ich komme später darauf zurück - so bitte ich Opfer und Öffentlichkeit dafür um Nachsicht.

Die Opfer haben ein anderes Zeitempfinden als wir im Orden: Auch das mussten wir in den letzten Monaten lernen. Seitens des Ordens begann bei uns im Januar ein schmerzhafter Prozess, der tief in die Beziehung der Mitbrüder untereinander hineingreift. So wie die ältere Generation sich schwer tut, den Blick und die Standards der heutigen Zeit auf „die Zeit damals“ nachzuvollziehen, so braucht die junge Generation Zeit, um zu begreifen, dass sie in einer institutionellen Kontinuität steht, zu der sie sich nun in Kenntnis dieser Schattenseiten der eigenen Ordensgeschichte neu bekennen muss. Denn nur so ist heute ein Dialog zwischen Opfern und Orden möglich. Weil diese Einsichten in jeder Generation ihre Zeit brauchen, sind wir Jesuiten dem Drängen der Opfer nach Aufklärung nicht immer so schnell nachgekommen, wie diese das gefordert haben. In dieser Spannung, so fürchte ich, werden wir noch länger leben müssen.

Dank an Frau Raue und Frau Fischer

Bevor ich zum Inhalt des Berichtes komme, möchte ich mich bei Ihnen, Frau Raue, herzlich dafür bedanken, dass Sie sich an diese Mammut-Aufgabe gewagt haben. Wahrlich keine leichte Aufgabe, zumal Ihre Rolle, so wie sie in den Richtlinien der Deutschen Ordensoberenkonferenz (DOK) beschrieben wird, kaum eine Parallele in unserer zivilen Gesellschaft haben dürfte. Im Auftrag des Ordens, aber eben doch extern, mit Blick auf die Opfer, aber dann doch nicht als deren Rechtsvertretung – die Erwartungen der verschiedenen Seiten waren nur schwer miteinander zu vereinen. Meines Erachtens müsste diese objektive Schwierigkeit bei der von den Bischöfen bzw. Ordensoberen in Angriff genommenen Überarbeitung der Richtlinien sorgsam reflektiert werden. Umso größer meine Hochachtung dafür, dass Sie, Frau Raue, sich auf diesen schwierigen Balanceakt eingelassen haben und uns heute das Ergebnis Ihrer Untersuchung präsentieren konnten. Dafür möchte ich mich bei Ihnen bedanken.

Vor einigen Tagen habe ich Bundesministerin a. D. Frau Andrea Fischer den Auftrag erteilt, eine second opinion in Bezug auf die Frage der Verantwortung des Ordens in Blick auf zwei der Täter abzugeben. Damit verbinde ich die Hoffnung, dass auch die Opfer, die Frau Fischer für diese Aufgabe ins Gespräch gebracht haben, von der Qualität und Unparteilichkeit des Berichtes von Frau Raue überzeugt werden können. So gilt mein Dank auch Frau Fischer, die angekündigt hat, ihre Untersuchung im Verlauf des kommenden Monats beenden zu können. Gesamtbewertung des Berichtes

Die Ergebnisse der Untersuchung von Frau Raue lassen eine skandalöse Wirklichkeit zu Tage treten, die unserem Orden zu Scham und Schande gereicht. Das Urteil fällt nicht weniger hart aus, wenn man mit Fug und Recht vermuten darf, dass unser Orden in den letzten Monaten auch als Projektionsfläche für eine Problematik gedient hat, die nicht nur die Kirche, sonder unsere gesamte Gesellschaft betrifft, die Institutionen, aber viel mehr noch die Familien. Die Menschen spüren instinktiv, dass der moralische Anspruch, mit dem kirchliche Institutionen wie unser Orden auftreten, im Kern untergraben wird von dem, was in den letzten Monaten zutage getreten ist. Eine der wiederkehrenden Formulierungen ist die der „großen Fallhöhe“, die erklären kann, warum Enttäuschung und Wut gerade bei den Missbrauchsfällen in Jesuiteneinrichtungen so stark sind.

Versagen des Ordens und Gründe dafür

Soweit ich es bisher zu beurteilen vermag, ist die von Frau Raue vorgelegte Schilderung der Übergriffe samt ihrer Bewertung sachlich korrekt. Diesbezüglich enthalte ich mich eigener Kommentare.

Mit Recht stellt Frau Raue dann aber die Frage, „warum der Orden nach außen hin so unbekümmert mit stichhaltigen Informationen über häufige Vorfälle sexuellen Missbrauchs in seinen Einrichtungen umgegangen ist“. Die von ihr angeführten Gründe mögen zwar nicht für das Handeln sämtlicher Verantwortlicher der damaligen Zeit gelten, aber im Kern beziehen sie sich auf Geisteshaltungen, die nicht nur bei einzelnen, sondern unbestreitbar in weiten Kreisen des Ordens verbreitet waren und vielleicht auch noch sind. Dazu gehören die nicht vorhandener Opferperspektive, die primäre Sorge um den Ruf des Mitbruders bzw. der Ordenseinrichtung, wo der Missbrauch verübt wurde, das Nicht-wissen-wollen.

Darüber hinaus sind wir Jesuiten in den letzten Monaten auf Fragen aufmerksam geworden, die die ordensinterne Kommunikation betreffen:

Für beides ist Vertraulichkeit unerlässlich. Doch müssen wir Jesuiten uns im Lichte der nun bekannt gewordenen Vorgänge neu überlegen, wie einerseits Vertraulichkeit gewährleistet und andererseits Vertuschen verhindert werden kann.

Zum Thema „Täterverschiebung“, bzw. „Verantwortungskette“ ein paar ergänzende Worte: Es ist offensichtlich, dass die Verantwortung für die Versetzungen der genannten Patres (z.B. von Berlin nach Hamburg und dann nach St. Blasien) beim Orden, d.h. den Oberen bzw. den Werksleitern lag. Die Frage, wer wann was wusste und wie das bewertet wurde, ist dafür entscheidend und wird zu Recht gestellt.

Ich selber bin in die Ermittlungen und Gespräche nicht aktiv einbezogen worden - und das scheint mir nach wie vor richtig zu sein. Es war Aufgabe von Frau Raue, meinen Mitbrüdern diese Fragen zu stellen. Wir Jesuiten "ermitteln" nicht in eigener Sache - weder um anzuklagen noch um zu entlasten. Als Provinzial erwarte ich aber, dass die Mitbrüder, die damals in Verantwortung standen, ihrerseits Stellung zu den nun vorliegenden Fakten beziehen. Das sind sie dem Orden, vor allem aber auch den Opfern schuldig.

Dieses wird in der nächsten Zeit geschehen müssen, sei es im Kontext des sog. „Eckigen Tisches“, sei es durch persönliche Erklärungen, von denen Frau Raue bereits einige in ihrem Bericht zitiert. Dabei wird deutlich werden, dass man in je unterschiedlicher Weise von den Problemen und Handlungen der Täter wusste. Dass man damals weder die bereits betroffenen Kinder und Jugendlichen hinreichend im Blick hatte, noch die Gefahr für mögliche zukünftige Opfer erwogen hat, ist eines der traurigen Ergebnisse der Untersuchung von Frau Raue, das von den damals und heute Verantwortlichen mehr und mehr erkannt und anerkannt wird.

Wir haben in den letzten Monaten viel lernen müssen, u. a.:

Dank und Bitte um Entschuldigung an die Opfer

Ausdrücklich wende ich mich an dieser Stelle an alle, die sich als „Opfer“, „Überlebende“ oder einfach „Betroffene“ des Missbrauchs in den Einrichtungen unseres Ordens erfahren. Nachdem nun das wahre Ausmaß der Übergriffe und des Versagens des Ordens, solche zu verhindern, deutlich geworden ist, danke ich, wie schon bei meiner ersten Pressekonferenz in Berlin im Februar dieses Jahres, den Opfern noch einmal ausdrücklich dafür, dass sie das Schweigen gebrochen, ihre Stimme erhoben und das ihnen zugefügte Unrecht beim Namen genannt, ja bisweilen herausgeschrieen haben. Im Namen des Ordens anerkenne ich mit Scham die Schuld und das Versagen des Ordens und bitte ich sie noch einmal um Entschuldigung. Wir Jesuiten – das gilt für unsere Mitbrüder, die Täter geworden sind, und für uns als ganzer Gemeinschaft – sind mit einer bitteren Wahrheit über uns und unsere Geschichte konfrontiert worden, der wir uns stellen. Die letzten Monate enthalten aber nicht nur für die Opfer, sondern auch für uns Hoffnung auf Heilung, auf neue Wahrhaftigkeit, womöglich auf Versöhnung.

Konsequenzen

1. Weitere Untersuchung

2. Verantwortung gegenüber den Opfern

3. Verantwortung gegenüber den Beschuldigten und den Tätern

4. Präventionsmaßnahmen

Was die Prävention angeht, ist festhalten, dass sich in den letzten Jahrzehnten und schon vor dem Aufdecken des Missbrauchsskandals vieles im Orden verändert hat, was etwa Ausbildung der jungen Jesuiten und Erziehungsmethoden betrifft.

Schlussbemerkung

Dieser Bericht von Frau Raue, für den ich noch einmal herzlich Danke sage, ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg der Aufklärung, aber, wie deutlich geworden ist, kein Schlusspunkt. Wir Jesuiten sehen uns von Gott und den Menschen, besonders den Opfern, in die Pflicht genommen, den weiterhin mühsamen Weg des Nicht-Mehr-Wegschauen-Wollens und der Erneuerung des Ordens weiterzugehen. Auf diesem Weg haben wir in den letzten Monaten, auch in der Öffentlichkeit und nicht zuletzt von den Medien, Unterstützung erhalten.

Auch Ihnen, meine Damen und Herren, daher abschließend: Vielen Dank!

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